Zitate. Peter Hacks. Über Kunst:

Es sei ein Jammer, daß Künstler (Praktiker) stets nur von Künstlern (Praktikern) lernen könnten. Das war ein Vorwurf Hacksens an die Künstler. Die einen, meinte er, machen Kunst und wissen nicht, was das ist; die anderen wissen über die Kunst Bescheid, können aber keine Kunst herstellen. Er benennt für den ersteren Fall den Brecht und für den letzteren Fall Becher. (Es lohnt sich, dieser Hausaufgabe nachzugehen.) Hacks nimmt eine Ausnahmestellung unter den Jahrtausendgenies ein: er war der Praktiker, der eine Theorie miterzeugte. Und er übertrifft seine wenigen Vorgänger um Lichtjahre. War das nur „die Gnade der späten Geburt“? Wer so denkt, wird die Antwort von den kommenden Jahrhunderten erhalten. Hacks über Kunst:

„Jeder Künstler hat außer der Pflicht, Kunst zu machen, die Pflicht, sie durchzusetzen. Die Erzeugung seiner Erzeugungsbedingungen gehört zum Beruf des Künstlers. Die Schauspieler erachten es als ihre künstlerische Verpflichtung, Theaterleitungen, welche die Gründe vergessen haben, aus denen man Theater spielt, zu bekämpfen.“ (W13/240)

„Das Wort Ästhetik bildet keine Mehrzahl. Die Ästhetik ist die Theorie der Kunst, und von einem Ding gibt es nur eine Theorie.“ (W13/429)

„Kunst ist nicht einfach billig von Künstlern zu beziehen, so wenig wie Bomben einfach von Erfindern. Beide bedürfen eines gewaltigen Umfelds.“ (W13/426)

„Es besteht ja freilich darüber, daß der Poet mit Notwendigkeit akademisch erzogen sein müsse, keine völlige Übereinkunft. Viele halten das Tellerwaschen oder das Leben auf Flößen für die ertragreichere Lehre, und sie bezeichnen Nachtasyle, Heizkeller, Spülküchen – und wie die Euphemismen für Kaffeehaus sonst noch heißen mögen – als die eigentlichen hohen Schulen der Kunst.“ (W14/232)

Die Funktion der Kunst ist zu allen Zeiten und an allen Orten gleich. Sie untersucht mit ästhetischen Mitteln und zu ästhetischen Zwecken die jeweils statthabende Wirklichkeit auf die Möglichkeiten hin, die dieselbe der Gattung Mensch bei ihrer Selbstherstellung bietet. Sie schlägt, von ihrer besonderen gesellschaftlichen Stelle her, den vollkommenen Menschen vor. Das tut sie, indem sie Hemmendes verwirft und Erstrebenswertes entwirft.“ (W13/214)

„Man soll weder ein Kind noch einen Schriftsteller vorzeitig mit den Tatsachen des Lebens bekanntmachen. Man zerstört damit seinen Triebvorrat zum Guten. Man erzieht Spinner oder Anpasser; nicht große Weltkenner, sondern kleine Schurken.“ (W13/262f)

(Nicht nur über Sarah Kirsch:) „Das Fehlen von Satzzeichen, so glaube ich, verrät Angst vor Trockenheit. Interpunktionslosigkeit ist Lebendigkeitsersatz.“ (W13/253)

„In der Wirklichkeit gibt es nur zwei Sorten von Theaterstücken, diejenigen, die allen gefallen, und diejenigen, die niemandem gefallen. Die Idee, man könne eine Kunst machen, die bestimmten Leuten gefiele und bestimmten Leuten wieder nicht, ist ganz kindlich und wird durch kein Beispiel bestätigt.“ (an: Heinar Kipphardt, 30.11.1969)

„Man kann das Publikum auf zwei Weisen verachten… Wenn ich sage, mir ist wurscht, ob mich mein Publikum versteht, verachte ich das Publikum. Wenn man sagt, ich mache, was mein Publikum von mir verlangt, verachte ich das Publikum ebenfalls.“ (Berlinische Dramaturgie, Bd. 1, S. 32)

„Das gemischteste Publikum ist das beste. Wofern die Publikumsseele hinreichend zusammengesetzt aus Klassenbegierden, Bildungsstufen und Empfindungsvermögen ist, dann ist sie ein Individuum von umfassendem Kunstverstand, fähig, alle, auch die entlegensten und geheimsten Schwingungen des Dramas zu orten. … Das Publikum ist nicht teilbar, und das Theater verhindert sich selbst, welches sich an das wendet, was man heutzutage lächerlicher Weise eine Zielgruppe nennt.“ (W14/139)

Hamlet ist die Tragödie des bürgerlichen Humanismus. Es sind die Begebenheiten eines Mannes, der, weil er kein durchaus Neues an die Stelle des Alten zu setzen weiß, dem Alten erliegt. Er will eine geordnete Welt und findet bloß eine bürgerliche. Zu stolz, sich mit einem nur relativen Fortschritt abzufinden, verrät er den Fortschritt.
Das ist das furchtbare Dilemma einer beschränkten und widersprüchlichen Klassenposition, die, je Vollkommeneres sie anstrebt, desto deutlicher ihre Schranken und Widersprüche offenbart, je weiter sie vorstößt, desto weiter hinten landet. Wie beim Coriolan zeigen sich die Fehler einer Klasse am scheußlichsten an ihren edelsten Exemplaren. Hamlets Erbärmlichkeit ist aus Größe.“ (W13/118)

Individuum, Gesellschaft und Ideal – richtig ins Verhältnis zu setzen, ist in der Tat Aufgabe der Kunst.“ (Berlinische Dramaturgie, Bd. 3, S. 171)

„Seit ich das Musical kenne, liebe ich die Operette. … Gediegenes Handwerk hat in dieser Zeit der Verwahrlosung schon fast die Würde von Klassik.“ (W15/153)

„Was man aber von jedem verlangen kann, ist Verantwortung für außerästhetische Wirkung. Ein Mensch soll auch in einem Kunstwerk wissen, daß er mit dem Kunstwerk Effekte auf die Moral, die Wissenschaft, die Politik auslöst, und daß er sich nicht rausreden darf, indem er sagt, er habe ja nur Kunst gemacht.“ (Berlinische Dramaturgie, Bd. 3, S. 169)

„Der Zwang zur Auseinandersetzung mit Regeln ist unter allen Umständen besser als ein Umfeld ästhetischer und politischer Beliebigkeit. Der Kampf gegen Dogmen ist besser als Erkenntnisverzicht. … Ich bin der Meinung, daß es nicht für Wagner spricht, daß er sich weigerte, für die Pariser Oper zu komponieren, bloß weil die ein Dogma hatte, demzufolge eine Oper fünf Akte und in den Zwischenakten Balletts haben mußte. Wenn Wagner gut gewesen wäre, hätte ihn das nicht kratzen können. Die Reform der Oper konnte nicht darin bestehen, diese Dogmen aufzuheben, denke ich.“ (Berlinische Dramaturgie, Ästhetik, S. 164)

„Der Streitpunkt, mit welchem die Fachleute vom Kindertheater am angelegentlichsten ihre Zeit vertun, ist der, ob es die Welt des Kindes oder die Welt der Erwachsenen abzubilden gelte. … Kinder spielen nicht Kinder, sie spielen Erwachsene, und sie wollen Erwachsene vorgespielt bekommen. Die Menschen, Götter und Tiere des Märchens, wie die des Mythos, haben durchweg kindliche Seelen. Aber das Märchendrama handelt, gleich dem Mythos, nicht von Kindern. Seine Helden und seine Sorgen sind groß genug. … Daher zählen Kinder das Märchen mit Recht zur ernsten, zur adulten Literatur, während sie auf Stücke, in welchen Kinder auftreten, mit leichter Verachtung, eben auf bloße Kindereien, herabblicken. Die Kindertheater könnten sich, begriffen sie nur ihr Publikum und damit die Gesetze ihrer Gattung, die Peinlichkeit, bärtige Männer und vollbusige Frauen in kurzen Hosen und mit gelben Zöpfen auf die Bühne zu schicken, sparen.“ (W14/142f)

„Die Industrie beschäftigt keine Künstler, folglich wirkt und wirbt sie gegen den Künstlerberuf. Sie ist im Besitz des Ministers, welcher im Besitz der Mode ist. Durch die Mode hat sie eine Stimmung hervorbringen lassen, als sei an kunstvoller Arbeit etwas Ehrenrühriges. Zur Annihilierung des Künstlers ist aber einmal die Annihilierung der Kunst erfordert. Die Ästhetik der Mode lehrt: jede menschliche Tätigkeit sei als solche schon Kunstschaffen und jedes menschliche Erzeugnis ein Kunstgegenstand; es bedürfe dazu nur des Entschlusses, sie so zu nennen. Zur Bekräftigung dieses Entschlusses taufte man die Tätigkeit Kreativität und die Gegenstände Objekte. – (Den annihilierten Kunstgenuß, das beiläufig, taufte man Kommunikation).“ (W14/317)

„Wie sehr Romantiker sich oder einander widersprechen mögen, in der Verteidigung der Ausnahmen gegen die Regel sind sie mit sich und untereinander einig.“ (W13/320)

„Das Wetterwendische ist der letzte Wesenszug der Romantik. Nichts ist tief, nichts ist fröhlich; aber alles ist zeitnah.“ (W13/263)

„Es gibt an den romantischen Erzeugnissen gar nichts zu begreifen, aber eben das ist dem romantischen Bewunderer lieb, welcher unbeschämt davonkommt. Wenn Sie, angesichts seines Kunstwerks, einen Romantiker gegenüber bekennen: Ich habe kein einziges Wort verstanden, wird er Ihnen umgehend versichern: Aber das verlangt doch auch niemand. So getröstet entläßt Sie nicht leicht ein anderer Künstler. So wie die Mehrheit der Autoren nur Romantik zu produzieren vermögen, schätzt die Mehrheit des Publikums Romantik um der Mühelosigkeit des Rezipierens willen. Unfähigkeit ist irgendwie ein anderes Wort für Mehrheitsfähigkeit.“ (W15/107)

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