Der Geist des MDR

Kritiker
Müssen wahre Spechtsgehirne haben, wenn ihnen
Nach dem Gehacke auf mir niemals das Schädelchen brummt.

Peter Geist ist Literaturwissenschaftler, Lektor und Mitglied der Akademie der Künste. Was er über den ersten Dichter der deutschen Nation zu sagen hat, ist, gerade auch deshalb, bestürzend. Über seinen Gegenstand, das Gedicht „1990“, erfahren wir nicht viel; über den herausragenden Wert der Hacksschen Lyrik insgesamt auch nichts. Und die Lyrik ins beeindruckende Gesamtschaffen des Dichters einzuordnen, ist auch nicht, was Geist anstrebt.

Er gibt vor, nicht begreifen zu können, daß ein Kommunist die „Wende“ nicht sportlich nehmen will. Hacks hätte die „Mauer“ gelobt, beschwert er sich. (Da redet er noch vom Gedicht „Das Vaterland“…) Ist das dann Literaturwissenschaft? Der Dichter hätte lediglich provozieren und so ein „Alleinstellungsmerkmal“ gewinnen wollen, verkündet er.

Hacks empfahl der Kunst ausdrücklich nicht zu provozieren, wie man weiß. Die „Mauer“ hat Hacks als Symbol einer aktiven Widerstandshaltung zu einem Gesellschaftssystem verstanden, das im Profit-Maximierungs-Modus einen Angriffskrieg nach dem anderen beginnt und dann scheinheilig behauptet, die Welt würde immer kriegerischer, es handle sich um einen „Streit der Kulturen“. Warum Hacks die Mauer und „Das Vaterland“ DDR lobt, dazu hört man bei Geist verständlicherweise nichts; es steht aber da: „Dem Ärmsten stand die höchste Stelle offen./ … Und weder Aberglauben, weder Schulden / Fand sich sein stolzes Herz bereit zu dulden./ … Kein Eigentümer konnte uns befehlen, / Zu seinem Vorteil selbst uns zu bestehlen./ … Es ist ein Hochgenuß von ihm zu sprechen. / Es war ein Staat und scheute das Verbrechen.“ Will der Mann all diese Zeilen überlesen haben, wenn er uns einzureden versucht, Hacks hätte provozieren wollen?

Ein „Alleinstellungsmerkmal“ ist generell eine Kategorie auf die Hacks keinen Wert legte, ihm lag nur an einem Kunstwert: Vollkommenheit. Vollkommenheit in der Kunst setzt das Bewältigen unendlich vieler Schwierigkeiten voraus und jede bewältigte Schwierigkeit kann ein „Alleinstellungsmerkmal“ sein und kann besprochen werden. Aber nicht unter dieser nichtswürdigen Bezeichnung. Die Dinge haben doch Namen.

Die Kunst dieses Dichters ist voller niegesehener Schönheiten und die Kunstwissenschaft könnte beginnen, uns einige dieser Einmaligkeiten zu eröffnen. Dazu hörten und hören wir in den Medien nichts. – Des Dichters Sprache sei die höchstentwickelte der deutschen Nation, sagt beispielsweise die russische Kunstwissenschaft vor, weil die Kenntnisse zu haben scheint und nicht mit Blindheit geschlagen ist. Geist weiß von all diesen Qualitäten nichts, er kann nicht viele dieser Besonderheiten aufgefunden haben. Wenn doch, schweigt er sie weg. Mir würde es nicht gefallen, wenn man mir Blindheit oder Niedertracht vorwerfen würde.

Wo Shakespeare in seiner Kunst politische Konstellationen seiner Zeit durchspielt, nutzt Hacks seine historische Chance und formt eine Poesie, in der oftmals unterschiedliche historische Epochen zusammengeführt werden. Diese Art „Weltgeist“ wurde zu einem seiner Markenzeichen. In dem Gedicht „Leben Neros“ wird der Niedergang des römischen Imperiums beschrieben. Jeder Dichter, der einen König schreibe, schreibe seinen eigenen König, erklärte Hacks. Sofort hört man auch den Honecker „nur siebzig Strophen“ „abscheulich singen“. Und dann meldet sich, in der Mitte des Gedichts, noch der Heine zu Wort; Hacks fügt auch die Loreley in seinen Chorgesang. Plötzlich wird aus geschichtlichen Ereignissen und Heines Kunst ein filigranes und komplexes Gebilde; ein Mini-Drama, ein Drama mit den Mitteln des Gedichts. – Etwas ganz ähnliches würde man in dem Gedicht „Appell“ finden können, wenn Geist etwas über dieses Gedicht hätte sagen wollen.

Geist sagt nur, es sei „indiskutabel“, Hacks entgleise in „Guillotine-Phantasien“ und fordere für Bürgerrechtler die Guillotine. Wenn aber der „Lektor für deutsche Sprache und Literatur“ mir eine Leseschwäche nachreden will, muß er schon näher erklären, was an dem Gedicht indiskutabel sein soll und wo darin eine Guillotine für Bürgerrechtler verlangt wird. Was Geist dem Hacks in seiner widerwärtigen und dumm-dreisten Weise unterschieben will, wird er ihm nicht nachweisen können. Wenn meine Lesekenntnisse noch hinlangen, dann wirft der Dichter einzig den Bürgerrechtlern vor, eine Guillotine aufgebaut und Königsmord begangen zu haben. Man hätte wieder einmal, selbstverschuldet, eine Revolution verspielt. In Paris sei Blut geflossen, in Berlin nicht, da hätte man den Kopf freiwillig abgegeben. Wörtlich: „Böhme, Thierse, Schnur und Stolpe, / Gysi, Modrow, Wolf und dann / Poppe, Barbe, Klier und Bohley, / Schröder, Ull- und Eppelmann, / Die Gebrüder Brie und, ärger, / Eheleute Wollenberger, Alle lassen ihren Kopf, / Fallen in den Auffangtopf.“ Indiskutabel ist an diesem Gedicht gar nichts. Geist will auch nicht diskutieren, vor allem will er, daß keiner im Hacks liest. Das ist seine einzige Absicht, sie ist demnach ganz im Sinne dieser Medien und Akademien. Diese von den Medienbesitzern ausgesuchten Fachleute machen uns sprachlos.

„Botho Strauß passiert für einen Dichter“, so wundert sich Hacks in seinem Gedicht „1990“. Wer den heutigen Kunstbetrieb derart bloßstelle, würde Botho Strauß direkt „angiften“, giften die tatsächlich Angegifteten.

Hacks sei ein „großer deutscher Theaterdichter“ und ein „genialer Stilist“ und „indiskutabel“. In einem Absatz, ohne großes Federlesen. Können ist in der Akademie der Künste verpönt – das schwante uns bereits. Geist verwendet das Lob einzig als Schutzschild, während er seinen Schmutz wirft. Leute, die Hacks für den großen deutschen Dichter halten, fragen, seit Jahrzehnten, warum er den heruntergekommenen Spielplänen dieses Landes nicht aufhelfen darf.

Schon anläßlich einer Hacks-Tagung macht sich Geist einzig durch seine eigentümliche Mengenlehre auffällig. Des Dichters Werkeausgabe umfaßt fünfzehn Bände, darin schätzungsweise 700 Seiten Gedichte. Die vielleicht zwölf Wende-Gedichte, so rechnete Geist vor, würden den h a l b e n Hacks ausmachen, den keiner unterschlagen dürfe. Keiner hatte je vor, auch nur eine Zeile Hacks zu unterschlagen. Wenn sie es könnten, wären die Geister des MDR gern diejenigen, die diese Gedichte unterschlagen würden. Gedichte wie „Die Partei“ oder „Gebrechlicher Vielvölkerstaat“ oder auch der „Appell“ erzeugen heute eine auffallend gespannte Stille beim Publikum. Ist es nicht vielmehr so, daß heute die Medien- und Bühnenbetreiber 99,9% des Hacks unterschlagen? War der „Frieden“ nicht ein nie dagewesener Erfolg im Theater? Warum wird er nicht gespielt? Ist der „Geldgott“ hierzulande irrelevant? (Und wo sogar Hitlers „Mein Kampf“ kommentiert erscheinen darf, dürfte Leipzig doch wohl Orpheus in der Unterwelt von Hacks bringen. Die staatlichen Aufpasser können ihren Kommentar doch ins Programmheft packen.)

Geist hat den Auftrag angenommen, den Dichter öffentlich auszupeitschen. Er äußert nichts, was einem Wissenschaftler oder einem Liebhaber der deutschen Sprache zur Ehre gereichen könnte. Was er äußert ist – und bestenfalls – Senf: „Hier ist Berlin, nicht Neustadt an der Dosse. / Ich bin ein Dichter und kein Zeitgenosse“. In diesem Gedicht („Einem Vermittler“) sei der Dichter „freundlich-ironisch“, will er sich am Ende herausschleimen. Wer das Gedicht nicht kapierte, käme hier allein mit zwei gewaschenen Ohren hin. Der Dichter wütet und tobt, schimpft, ist angeekelt vom Zeitgeist, bei besten Manieren herablassend, aber „freundlich“ ist er wirklich nicht.

Geists Urteil über Hacks wird die Zeiten nicht überdauern. Seine Absicht ist unehrenhaft und seine Leistung ist, um seine Wortwahl aufzugreifen, indiskutabel. Zu dumm für die Akademie, das sei heute ein ernsthafter Vorwurf, wußte Hacks. Der Vorwurf geht an Geist vorbei – zu dumm für die Akademie ist er nicht.

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
Peter Geist über Peter Hacks „1990“
MDR figaro
mdr.de/sachsen/leipzig/wendegedicht100_zc-20d3192e_zs-423b0bc6.html
(Der Artikel wurde inzwischen entfernt. Er kann, bei Bedarf, bei mir angefordert werden.)