Schirrmacher als Gratulant

13.6.2016 – Frank Schirrmacher will nicht gestorben sein, ohne mitgeteilt zu haben, eigentlich habe er den Dichter geschätzt. In seiner Laudatio ist Hacks plötzlich doch „das künstlerische Obergenie“, das er für alle anderen längst war. Plötzlich ist er doch ein Klassiker – das war seiner FAZ bis dahin unbekannt.
Das wirklich große Gefecht werde zwischen zwei Engeln geschlagen, habe er bei Hacks gelesen. Schirrmacher wäre ein Engel, solche Blüten legt er aufs Grab des Dichters. Die zwei Engel, die miteinander einen Konflikt austragen, aber damit beschrieb Hacks das Drama als Hort der gesitteten Konfliktbewältigung. In der großen dramatischen Kunst sollen alle streitenden Parteien redliche Absichten verfolgen, meinte er. Schirrmacher wendet dieses Bild der erzogenen Auseinandersetzung, vielleicht doch zu unpassend, auf seine Medienlandschaft an, die in Bezug auf Hacks durch eine sachgerechte Leistungsbewertung nun wirklich nicht auffällig geworden wäre. Ins Gefecht der Engel ist Schirrmacher ganz bestimmt nicht verwickelt.
Gerade neunzig Worte läßt er an der Hacksschen Lyrik gelten. „Beeilt euch ihr Stunden“, dieses Gedicht sei Liebesausbruch und Wutausbruch in einem. Diese grobe Deutung überzeugt mich zwar nicht, was er aber nachschiebt, stimmt: „Es ist, nach Maßgabe strengster Kriterien: vollendet“. (Man wundert sich nur, daß er diese Vollendung, nach Maßgabe strengster Kriterien, einzig in diesem einen Gedicht bemerkt haben will; da gibt es schließlich noch ganz andere Kaliber.) Die Ungeduld der Liebe wird hier in verschiedenen Facetten vorgeführt. Statt einem Wut- oder Liebesausbruch finde ich den Überschwang, die Irrationalität und den Egoismus aus Ungeduld.
„Die Maßgaben der Kunst“ empfiehlt Schirrmacher hingegen mit Nachdruck und auf eine Weise, die vorher selten zu lesen war:
Hacks, den wir gerne als Wirrkopf hätten, ist in seinen ästhetischen, künstlerischen und philologischen Schriften von hinreißender Intelligenz. Einen Vergleich, der ihm standhielte, finden wir in den letzten Jahrzehnten weder bei älteren noch auch bei jüngeren Autoren. Was er über Dramen und Gedichte, über Goethe und Napoleon, über die Romantiker, über das Theater, über Realismus und Magie, über Liebe und Tod schrieb, ist nicht nur sehr interessant, neu und faszinierend, es macht, mit Verlaub, beim Lesen unendlich gute Laune.“
Dieses Buch ist in der Tat so bildend, daß man beim erneuten Lesen meint, man habe ein vollkommen anderes Buch in den Händen, da man nun zuhauf Sätze begreift, die man zunächst überlas. Dieser Effekt kann sich beliebig oft wiederholen. Schirrmachers Statement ist ein Wendepunkt in der Medienlandschaft; bisher waren da fast ausschließlich Rezensenten, die den Jahrtausend-Dichter niederzuknüppeln hatten.
Aber keinen guten Tag hat er, wo er die Anleitung „Wie Gedichte zu machen“ auf das Hackssche Monodrama „Stein“ anwenden will. Gänzlich blamiert sich, wer behauptet, eine Hackssche Poesie bedeute „nichts anderes als“… Der Dichter beschreibt das Ideal der Poesie ungefähr so: sie biete ein anschauliches Bild, in dem der Kunstkonsument, bis ans Ende seiner Tage, immer neue Beibedeutungen auffinden kann. In der anschaulichen Beziehung Stein-Goethe findet Schirrmacher „nichts anderes als die Demontage der Liebeslyrik“. Im poetischen Sinne steht die Konstellation Goethe-Stein für nichts weniger als ein ganzes Universum. Wo die Stein für die schwindende, gesellschaftliche Kraft des Adels steht, steht sie für Schirrmachers FAZ. Wo die Stein, wie sie den Goethe liebt und „zerpflückt“, das Individuum und das Mittelmaß vertritt, wird man an Schirrmacher mitdenken und wo Goethe-Stein das Ideelle anspielt, wird Schirrmacher zu Stein.

„Eine halbe Bibliothek politischer Gemeinheiten“ hätte er hinterlassen, dieser „auf einschüchternde Weise brillante“ Dichter. Vielleicht sind das gar keine Gemeinheiten, sondern schmerzhafte Wahrheiten. Fortschritt, so Hacks, dürfe man nur nennen, was zwingend wäre und sich früher oder später ohnehin einstelle. Hacks hielt, wie Marx, den Kommunismus für zwingend, da der Imperialismus wesentliche gesellschaftliche Schwachstellen nicht beheben kann. Vielleicht kommen die heutigen Schirrmachers dem auf einschüchternde Weise brillanten Denker eines Tages diesbezüglich auch noch auf die Schliche.
Wenn sich diese Hoffnung nicht erfülle, dann sterbe das alte Denken durch Zeit aus. Auf diese Art würden oft alte Denkmuster überwunden. (Die heutige Generation der Schirrmachers würde dann bereits zwei vollkommene Gedichte bei Hacks entdecken und die morgige drei, soll das heißen.)
Hacks hatte aber dennoch nichts gegen Bestrebungen, diesen Prozeß durch Gesittung zu beschleunigen.

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
Frank Schirrmacher: Er denkt also, wie er will (Peter Hacks zum Achtzigsten.)
10.3.2008, FAZ.

 

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