Martin Mosebachs Sonnenfinsternis

13.6.2016. – Es macht sich gelegentlich erforderlich, Leuten zu begegnen, denen zu begegnen eigentlich nicht lohnt. Martin Mosebach stellt in der ZEIT die Frage: „Was war der Schriftsteller Peter Hacks?“, er beantwortet die Frage aber nicht. Daher zunächst dies:

Peter Hacks war und ist unangefochten der vollkommenste Dichter der deutschen Nation. Goethe selbst würde von seinem Thron herabsteigen und Hacks bitten, darauf Platz zu nehmen.

Mosebach beginnt, ohne diesen Sachverhalt mit einer Zeile zu würdigen, den Dichter sogleich für die Verbrechen Stalins in Sippenhaft zu nehmen. Ein alter Trick. Viele Linke machte man auf diese Art „Imperialismus-kompatibel“ (Hacks), bei ihm selbst führte diese Strategie nicht zum gewünschten Ziel. Das erregt den Zorn Mosebachs und, gleich nach dem Tod des Dichters, auch seinen Mut.

Der Dichter Hacks empfahl die Stalin-Biographie von Isaak Deutscher. In der werden sowohl die Verbrechen als auch die Leistungen Stalins aufgezeigt. Mosebach weiß von keinen Leistungen Stalins, er begreift von ihm einzig das, was der Monopolkapitalismus über ihn verbreitet. Das ist verdächtig. Und das ist der Grund, warum er das Gedicht „Venus und Stalin“ von Hacks nicht verstehen will.

Linke hätten Stalin entweder zu verteufeln oder zu vergöttern, verlangt er. So verlangt es auch das Monopolkapital. Wer Stalin vergöttert, darf mit Recht vorgeführt werden; wer ihn verteufelt, ist dem MoKap. nicht mehr gefährlich. Eine differenziertere Haltung zu Stalin darf es also nicht geben, sonst funktioniert der Trick mit der Sippenhaft nicht mehr.
Hacks zog vor, die Verbrechen Stalins unter Gleichgesinnten zu erörtern und möglichst nicht mit seinen Feinden. (Den Engländern und Amerikanern schien er wieder vorzuwerfen, daß sie einige Jahre zu spät gegen Hitler auftraten und andernfalls die meisten dieser 20 Mio. russischen Toten hätten vermeiden können. Aber sie haben zugesehen und sich die Hände gerieben.) Somit ist der Dichter den Linken vielleicht gar kein schlechtes Vorbild. Nur wenn der Gegner vor Wut schäumt, wird ein Linker etwas taugen. Mosebach schäumt, das spricht für Hacks.

Was man von Peter Hacks lesen müsse?

Mosebach meint: „Die Maßgaben der Kunst“. – Damit hat er auch einmal Recht. Er lobt das Buch, hat dessen Wert und Rang jedoch nicht erfassen wollen. Es ist die Bibel des 20. Jahrhunderts. André Thiele bedankt sich beim Dichter für dieses „Menschheitslehrbuch“. – Was man sonst von ihm lesen müsse? Nichts. Mosebach ist mit dem Verfahren der deutschen Bühnen, Hacks totzuschweigen, einverstanden.

Von Hacks will man jede einzelne Zeile lesen!

Wenn Mosebach auch die „Maßgaben der Kunst“ empfiehlt, er vernichtet das Buch zunächst auf drei Seiten. Argumente hat er keine, er wütet. Der Dichter würde die Revolution nicht lieben, wird ihm beispielsweise vorgeworfen. Wenn Hacks die Revolution auch nicht mochte, für unabdingbar hielt er sie doch. Und einigen romantischen Seelen warf er wieder vor, sie schwärmten für die Revolution, wollten aber keine machen… – Man sieht, wie der unlautere Mosebach seine Verleumdungen zusammenpfuscht, indem er ¾ der Aussage unterschlägt und aus dem letzten Viertel frech einen Vorwurf zu konstruieren sucht. So geht das in einer Tour:

– Ulbricht sei den Linken „peinlich“, phantasiert er. Das wird an dem Tag der Fall sein, an dem der Westen Ulbricht dadurch beschämt, daß er in Afghanistan oder Libyen mehr einrichtet, als Ulbricht in der DDR errichtete: Vollbeschäftigung und immerhin die siebtgrößte Industrienation der Welt, (trotz der menschenverachtenden Wirtschaftsblockaden des Westens, trotz der unfairen Wechselkurse, in einem rohstoffarmen Lande und in unter 25 Jahren). Nun beglückt jedoch die westliche Welt Afghanistan bereits seit 35 Jahren mit dem, was sie impotenterweise „Aufbauhilfe“ nennt.

– Warum der lesenswerte Stoff über Büchner keinen Aufschrei unter den Schriftstellern hervorgerufen hat, will er wissen. Weil Hacks unanfechtbar ist. Das wäre eine Erklärung. (Halten wir den Columbus, ein Frühwerk von Hacks, gegen ein Werk von Büchner, so entsteht die Frage, wieso Hacks nicht und der Büchner so oft gespielt wird… Hält man den Amphitryon Kleists neben den Hacks‘, steht die Frage, warum stets Kleist gespielt wird und wieso Hacks kaum stattfindet.)

Die Methode der Klassiker ist das Verbessern. Dazu muß man am Gelungenen die Potentiale kennzeichnen. Der Romantik genügt das Ändern, da ist Kennzeichnen von Potential bei großen Autoren nicht Arbeitsstil, sondern Leichenfledderei. Mosebach hat auch nichts bei der Hand, um gegen Hacks und für Büchner aufschreien zu können, er schreit einfach. Es regnet die Standardsprüche der Romantik: Das Verwerfen der Regel muß erlaubt sein. Das ist es auch, immer dann, wenn es am Ende eine bessere Regel macht.

„Wer selbst nicht das Ziel und das Vermögen hat, einen Staat zu gründen, hat nicht von der Geschichte das Recht, einen Staat zu zerstören.“

So der Dichter. – Das Zerschmeißen des Staates / der Regel müsse auch erlaubt sein, was dann käme, sei egal oder in jedem Falle besser und jedenfalls billig und schnell zu haben, meint Mosebach. – Das ist der Streit.

Die Mosebachs beharren auf dem Recht, nichts begreifen zu müssen: Man hätte die Sonnenfinsternis errechnen können als man die Erde noch für eine Scheibe hielt. (Das beweise, wer nicht allwissend ist, kann doch etwas schaffen. – Man wird keine Klassik finden, die das bestreitet, darauf will sie nämlich hinaus: es geht manchmal eben doch bergauf.) Nun irrt Mosebach aber mit seinem Vergleich fürchterlich. Denn erstens verlangen die Romantiker noch heute das Recht, in der Erde eine Scheibe haben zu dürfen. Und zweitens können die Hinterbänkler bestenfalls eine Sonnenfinsternis bewirken, aber doch keine vorhersagen. Die „träumenden, sehnsuchtsvollen“ Romantiker, wie Mosebach sie liebevoll bezeichnet, hoffen vergebens, sie selbst würden einst diese fabelhaften Rechenkünstler abgeben; ihre ganze Kunst besteht doch einzig darin, die Regeln der Mathematik zu verwerfen.

Wie man zu einem solch außerordentlichen Rechenmeister wird, steht bei Hacks. Die Mosebachs hören nicht hin, begreifen wenig und spielen die beleidigte Leberwurst. Den Zeitpunkt, zu dem der Mondschatten das Licht der Sonne wieder freigibt, errechnen einzig die Genies! In der Kunst heißen die Genies: Klassiker. Klassiker wie Peter Hacks.

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
„Was war der Schriftsteller Peter Hacks? … Ein erdachtes Gespräch. Von Martin Mosebach“
30.12.2004, Zeit-Online und DIE ZEIT, 01/2005.
zeit.de/2005/01/Ueber_die_Vorteile_des_Einfrierens