Die Exekution des Friedens.

„Der Frieden“, eine Komödie von Peter Hacks nach Aristophanes, interpretiert vom Theater Freiberg. Rezension zur Premiere vom 11.5.2019

Er werde nicht aufgeführt, sondern exekutiert, so der Dichter Peter Hacks. Das er auch mit dieser Äußerung ins Schwarze trifft, kann man nun im Freiberger Theater besichtigen. Die Inszenierung gleicht einer Hinrichtung mit Ansage:

Verpassen Sie nicht, wie Peter Hacks schreibt, „dieses schöne Theaterstück, um das es wahrhaft schade wäre“.

Mit diesem Zitat, das hier aber tatsächlich höhnisch gemeint ist, endet der Werbezettel, den das Mittelsächsische Theater verteilt. Auch mit Szenenfotos und Programmheft erweckt es zunächst den Anschein, man werde den Hacks spielen. Mit dem Auftritt des Chorführers, also mit der allerersten Sekunde, wird klar, daß man unberechtigten Hoffnungen nachhing. Statt der Komödie gibt’s die übliche Kirchenpredigt. Wer da nun immer schuldig zu sprechen ist, der Witz des Stückes wurde weder gespielt noch begriffen.

Der Hierokles kriegt bei Hacks jedenfalls eine Standpauke von weiteren zweieinhalb Seiten, die hat die Kirchenpartei fürsorglich zensiert, den Hierokles ganz zu streichen scheute sie sich aber doch.

Michael Berger spricht den Hermes und den Hierokles auf wohltuende Weise. Auch Anton Andreew (Erster Sklave) legt sich mit hörbarer Freude auf die Schwingen der kraftstrotzenden Hacksschen Texte, die jeden Schauspieler stützen und tragen, die gestützt und getragen sein wollen. Hingegen muß Ralph Sählbrandt seine Rolle auf eine Weise anlegen, wie die Kapitalisten sich den Anführer des Chores wünschen: gebückt, blind, verkrüppelt, fußlahm. Die Lenzwonne (Susanna Voß) läßt die Regie einer Nackttänzerin gleich durch die Szenerie wirbeln, vorgehabte Sinnlichkeit wird zum Soft-Porno. Der Waffenkrämer stapft mit rotem Schlips und Aktenkoffer durchs alte Griechenland, er führt Hochglanz-Prospekte seiner Waren mitsich, solche Vergröberungen sind keine Verbesserungen zu einer Lanze. Das poetische Vermögen und das Textverständnis der zuständigen Theatermacher erhellt auch dieses Detail: Statt an seinen Harnisch zu klopfen – der Panzer sei im Kriege zehn Mienen wert gewesen – zeigt der Waffenkrämer in Freiberg einen kleinen Spielzeug-Panzer aus seinem Aktenkoffer vor.

Für die nicht vorhandene, nur zweckmäßig eingerichtete Bühne zeichnet Peter Groß, die Musik von Andre Asriel ist wundervoll.

Das Publikum sitzt gebannt und versucht die Hacksschen Texte zu verfolgen, obwohl das Haus sie mit sakraler Musik zersägen läßt, um das Ohr abzulenken. Die Monologe, die der Intendant Ralf-Peter Schulze eigenmächtig in das Stück einfügen lies, bringen die Meinung des Dichters aus dem Stück und die Langweile und die Einfalt der Zensoren herein: Nicht die Angriffskrieger, nicht die Diktatoren der menschenverachtenden Wirtschaftsblockaden, nicht die industriemäßigen Pluralisierer des Volkswillens seien Verbrecher, bloß die Menschheit insgesamt wäre schlecht. Dieses Meinungsdiktat ist ekelhafteste Zersetzung, der Autor jedenfalls wirft diese Haltung dem Hierokles vor die Füße.

Diese eigenmächtigen und durch nichts zu rechtfertigenden Einschübe haben demnach einen Sinn, sie vernichten die Aussage des Stückes und sie vernichten insbesondere auch den Charakter der Komödie. Sie erfüllen den Tatbestand der Zensur.

Der andere eigenmächtige Einschub betrifft die Friedensgöttin Eirene, die kommt bei Hacks nur als Statuette, als von Menschen gemachter, anbetungswürdiger Plan vor, leibhaftig tritt der Frieden nicht auf. Mit diesem Handstrich ist der seitenlange Vortrag im Stück enthalten, den Eirene in Freiberg leibhaftig predigt. Noch im Finale verweigert sie sich der schlechten Menschheit. Das aber ist weder der Geist des äußerst geschickten Bearbeiters Hacks, noch die Intention des Aristophanes. Hacksens Lesetext zum Frieden wurde im Programmheft abgedruckt, das Theater hat Kenntnis davon, es hat nur nicht die Absicht ihn zu spielen. Dem Rechteverwalter wird empfohlen, die Spielgenehmigung zu entziehen.

Der Frieden wurde 1962/63 in Berlin uraufgeführt, die stehende Orvation soll 45 Minuten gedauert haben, das Stück war über ein Jahr lang ein Kassenschlager. Der Inszenierung in Freiberg ist ein solcher Erfolg nicht vergönnt. Chor und Chorführer stehen heute geschlagen, der Waffenkrämer und der Hierokles des vormittelalterlichen Freiberg salutieren: Mission erfüllt, Frieden exekutiert.

Europa steht unter Dauerbeschuß, die unsoziale Marktwirtschaft bekämpft die soziale Marktwirtschaft. Die CDU plakatiert: „Frieden ist nicht selbstverständlich“ und in ihrer Kopflosigkeit erinnert sie an die Honecker-Regierung, die drei Jahre vor ihrem Untergang verzweifelt ähnlich eindringliche Äußerungen tat. Gewinnmaximierung ist erst zu Ende, wenn man sie abstellt, wußte man, bevor freies Geld freie Schulen einrichtete. Der Rezensent hat ein Problem: Wie trifft man die, die man im öffentlichen Raum nicht trifft? Nach dem artigen Premierenapplaus nicken sich zwei Herren im Parkett zu. Sie gehören eher in den Rotary Club denn ins Theaterumfeld, sie fallen auf, weil sich einzig auf ihren Gesichtern Zufriedenheit spiegelt. Sie tätscheln sich die Schulter und sagen im Hinausgehen: Na bitte…

Der Kapitalismus hat so einiges „überwunden“, die linke Idee der Menschlichkeit, den Zusammenhalt und den Mehrheitswillen des Volkes, den Knigge, die Rechtschreibung, die Grundsätze der Erziehung, die Zensuren, das Vermögen ein Fest zu feiern, den Leistungsgedanken, die Kunst, (der 1. Mai und die Nationalhymne sollen auch bald überwunden sein, hört man), nicht zuletzt den Frieden. Wer dafür die Theaterleute schelten wollte, würde größtenteils in eine Falle tappen, vor der uns Erich Kästner bewahrte, indem er analysierte: Die Kapitalisten sorgen, daß sich die Verlierer immer gegenseitig die Köpfe einschlagen und so kommt, daß die Köpfe der wirklich Schuldigen stets oben bleiben.

„Der Frieden“ enthält den Auftrag, die Gesellschaft hinter einem lohnenden Ziel zu einen. Die Inszenierung in Freiberg verfehlt diesen Auftrag, es ist Vorsatz zu unterstellen. („Der Frieden“ gehörte nach Berlin.) Diese Kunsteunuchen sollen uns ein Theater geben, wir inszenieren ihnen den Frieden – und durchaus mit der Freiberger Truppe – daß er einen Siegeszug durch die ganze Welt antritt.

Peter Grandt

Chemnitz, d. 12.5.2019

 

Nachsatz zur Premierenfeier

Die Vereinzelung der Gesellschaft schlug sich auch in der anschließenden Premierenfeier nieder. Keiner, der das Wort ergriff, keiner der die Theaterleute mit den Theaterfreunden in eine Verbindung setzen wollte. Man schwieg sich an und wartete geduldig, bis die Leute wieder gegangen waren. Demokratische Gesprächskultur eben. Ein runder Tisch kam nicht zustande, Sprachlosigkeit wurde zelebriert, eben das Gegenteil des Volkswillens. Die Zuständigen machen ihren Job nicht, sie breiten notfalls verlogen die Arme aus und sagen: macht doch ihr, es hindert euch keiner. Das Volk hingegen hat ein Recht auf einen 8-Stunden-Tag, auf Zuständigkeiten und Leistung.