Der Spiegel

GESTORBEN: Der Spiegel

Der gefeierte (soll heißen: begünstigte) Staatsdichter, zu dessen Aufführungen, trotz Medienrummel, keiner hingeht, ist doch nicht Hacks, sondern Tellkamp. Für „Frieden“ standen die Leute monatelang Schlange an der Theaterkasse. (Ganz zu Recht, wie man den verfügbaren Aufzeichnungen der Inszenierung entnehmen kann.) Und wer im Mono-Drama „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ nicht mehr als nur gewitzte Unterhaltung erkannt haben will, der ist dann doch bloß im Auftrag des Spiegel tätig. Das sich in einer gewitzten Oberfläche gelegentlich ein ganzes Universum spiegelt, kann selbst dort keine Neuigkeit sein. Hacks fertigt die Romantik auch nicht als Verschwörung ab, er behauptet vielmehr: wer in der Kunst den Rückwärtsgang einlege, mache möglicherweise gar keine Epoche. Diejenigen aber, die Unvollkommenes, Fragmentarisches und Gewöhnliches zur Kunst oder Epoche hochstilisierten, hätten dafür ihre Gründe. – Am Ende habe er nur noch Essays geschrieben, der beneidenswert kenntnisreich fauchende Drache, „der so gerne ein Klassiker geworden“ i s t – (nicht: „w ä r e“ – da ist dem Spiegel nochmals ein Faselfehler unterlaufen). – Die lapidar erscheinenden Zeilen sind nicht ungeschickt zusammengefädelt. Sie sollen den Wert und Rang des Dichters beim Leser diskreditieren und sie diskreditieren einzig den journalistischen Wert und Rang des Spiegel.

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Das ist der vollständige Nachruf des
Spiegel 36/2003, (mit freundlicher Genehmigung des Verlags):

GESTORBEN Peter Hacks
Peter Hacks , 75. Im realsozialistischen Literaturbetrieb war der hoch gebildete Dramatiker ebenso eine Ausnahmefigur wie im Blick von Westen: Als Kommunist 1955 freiwillig von München nach Ost-Berlin gezogen, wurde er zwar mit Bühnenwerken in Brechtscher Ästhetik wie „Der Frieden“ zum gefeierten Staatsdichter; Erfolg aber hatte der hochmütige Sprachartist und Schlossbewohner zu seinem Leidwesen eher mit gewitzter Unterhaltung wie dem Stück „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ und Kinderbüchern – bis er sich fast nur noch in geradezu fauchend eigensinnigen Essays zu Wort meldete. Das Anecken machte Hacks, der sowohl den Mauerbau wie die Ausbürgerung Wolf Biermanns begrüßte, eben einfach Spaß: Noch in seinem letzten Buch „Zur Romantik“ fertigte er, der so gern Klassiker geworden wäre, mit grimmiger Ironie und beneidenswerter Kenntnis eine ganze Epoche als Verschwörung ab. Peter Hacks starb am 28. August in der Nähe von Berlin.

 

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