Der brave Hacks und der Soldat des Deutschlandfunk

Die von Hartmut Krug besprochene Uraufführung („Tatarenschlacht“, Peter Hacks) des Theaters Erlangen scheint, wieder einmal, aus einem feinen Drama eine naive Posse gemacht zu haben. Ob aus Vorsatz oder Unvermögen – da ist das eine so schmeichelhaft wie das andere. Die Medien scheinen nicht viel über das Drama zu wissen, wenn behauptet wird, nur Nina hätte ihr Recht, sonst bestünde das Drama aus Leuten, die keines hätten.
Hacks sei „sprachlich brav“, urteilt Krug. Man hat dem Dichter schon so manches vorgeworfen, das aber ist neu: „Matte Eleganz“…
Die matte Eleganz des braven Hacks klingt in der Tatarenschlacht so:

– Es ist der Krieg, den man töten muß.
– Man tötet den Krieg, indem man ihn gewinnt. …
– Der beste Sieg ist eine gewonnene Verhandlung.

Das ist alles andere als matt, es ist mehr als kraftvoll, präzise (die Sprache der Soldaten) und wunderbar; und die dramatischen Positionen (der sehr recht habenden Helden) überschlagen sich in dieser Weise fort, wenn dann die Verhandlungen verhandelt werden.
Der Rezensent hingegen verkündet, es ginge gar nicht um dramatische Prozesse, sondern um persönliche Interessen. Die Welt sei einmal schlecht und werde einzig von privaten Leidenschaften getrieben. Mit dieser Leier öden uns die Medien jeden Tag aufs neue an. Gerade diesen Denkunsinn wirft der Dichter diesen Hohlköpfen doch ständig vor. Krug lenkt damit von den Inhalten des Dramas ab. Er will seine ureigene Schlichtheit ausgerechnet einem Hacks-Stück unterschieben. Das geht zu weit. Diesen Vorwurf (unhaltbar einfältig) kann man fast dem gesamten zeitgenössischen Kunstschaffen machen, bei Hacks geht es immer ums Ganze. Und um diesen großen Inhalt soll hier ein großer Bogen gemacht werden, ausgerechnet mit diesem großen Blödsinn.

Der Dichter hätte sein Drama lieber auf einer religiösen Ebene anlegen sollen. – Krug gehört zu den vorsätzlichen Verschleierern. Einzig die Medien skandieren, es ginge um Mohammed-Karikaturen, wenn eine Bombe in Paris explodiert. Aber stand nicht im Bekenner-Schreiben, es sei als eine Retoure für die von Frankreich über Libyen abgeworfenen Care-Pakete der sozialen Marktwirtschaft gemeint gewesen, zu deren Lieferung die Eliten westlicher Redaktionsstuben so unergründlich tief und feig schweigen? Man solle da von Religionskonflikten reden? Von Staatsangelegenheiten soll das Volk lieber nichts wissen, dafür sorgen die Soldaten des Deutschlandfunks. Hacks hingegen ist ein außerordentlicher Fürstenerzieher, der seinen Lesern stets die hohe Handwerkskunst des Regierens vermittelt.

Die Erlanger Uraufführung habe ihr Ziel, eine Hacks-Renaissance zu verhindern, erreicht, lobt der Deutschlandfunk.
Wo das empörte Volk „Lügenpresse“ ruft, erklärt der Dichter Hacks seinem Publikum die Sache so:

„Begriffe man die Medien als Dienstleistung, könnte man wohl verzagen. Aber wie behaglich zeugen sie vom Erfindungsreichtum unserer Rasse, wenn man sie als Geheimdienstleistung begreift. Wer ungern gering von der Menschheit denkt, muß sie so begreifen.“ (W13/438)

Brav, der Hacks.

***

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
Hartmut Krug „Späte Ausgrabung“
Uraufführung von Peter Hacks „Tatarenschlacht“ am Erlanger Theater
14.1.2005, Deutschlandfunk
deutschlandfunk.de/spaete-ausgrabung.691.de.html?dram:article_id=48481

Advertisements