„Der Bär auf dem Försterball“ wird 50!

"Der Bär auf dem Försterball" wird 50!

13.6.2016. – Das vielleicht populärste Buch von Peter Hacks ist „Der Bär auf dem Försterball“, es wird von den Lesern heiß geliebt. Über seinen Inhalt ist in den Medien, bis zum heutigen Tag, nichts Sachdienliches zu erfahren. Wer den Schluß dieser Geschichte nicht urkomisch und tragisch zugleich empfindet, wird ihre „Nutzanwendung“ nicht verstanden haben. (Und wenn das Buch dennoch längst Kult geworden ist, ist das ein Beleg für die Hackssche These, daß vollkommene Kunst auch denen gefällt, die sie gar nicht verstehen.)

Die Fabel geht so: Ein gutmütiger, trinkfester Bär hat sich als Förster verkleidet, sein Ziel ist der Maskenball. Unterwegs trifft er einen wirklichen Förster, dessen Ziel ist der Försterball. Er hält den kostümierten Bären für einen Zunftgenossen und so schleppt er den nicht sehr standfesten Bären ab. Durch diese Umstände und durch seine Unbedarftheit gerät der Bär auf die falsche Veranstaltung; halb zieht man ihn, halb sinkt er hin. Die Förster geben vor, Ordnung im Walde zu schaffen, aber sie springen dabei natürlich stets zu kurz und vergreifen sich am Ende doch bloß an den Kleinen und Schwachen. Nichts begreifend und gebauchpinselt von seiner Umgebung, macht der Bär nun die Arbeit seiner natürlichen Gegner: er bringt sich ein. Es wird tüchtig gezecht auf dem Försterball und dann eröffnet der Bär tatsächlich die Treibjagd auf sich selbst. Der Dramatiker Hacks ist hier, mit seiner geistvollen Fabelkonstruktion, auf dem fulminanten Höhepunkt. „Die Frau des Bären“ bringt den Einfaltspinsel gerade noch rechtzeitig aus der Schußlinie.

Sehen wir uns nun die Interpretationen an, die man über diese Geschichte in Umlauf setzte. Der Leistungsgedanke wurde aus den Geisteswissenschaften verbannt, indem man statt der Höchstleistung Pluralismus einforderte. Die Hinterbänkler hätten mitzureden. Man stellt aber fest, daß die leicht zugänglichen Interpretationen wenig ausgewogen und ganz und gar nicht pluralistisch, sondern fast gleichlautend und allesamt unsinnig sind. Die Leser werden um die Fabel herum in den Nebel geschickt.

Wer für Pluralismus in den exakten Wissenschaften wirbt, dem paßt eine Tatsache nicht in den Kram. Man sorgt, daß ausschließlich die Hinterbänkler zu hören sind. Hacks sagt das so:

Das Trickwort Pluralismus hat einen genauen deutschen Sinn. Pluralismus, das bedeutet die Alleinherrschaft der schlechten Seite. (W 15/87)

Alle umherschwirrenden „Interpretationen“ lesen sich, als hätten sie einen gemeinsamen Urheber. Ich finde in ihnen stets den gleichen Blödsinn, nur den Inhalt der Fabel finde ich nirgends.
Der Bär wolle gar nicht zum Maskenball, sondern zum Försterball. Das setzt eine „e-learning academy AG Münster “ in ihrem anonym herausgegebenen Unterrichtsmaterial („Hacks, Peter – Der Bär auf dem Försterball, Transparente Kurzgeschichten-Interpretation für die Sek I“) in die Welt. Die Geschichte besitze gar keine Fabel, meinen diese Lehrkräfte. Bestenfalls sei gemeint, man solle sich nicht maskieren, nicht in eine Rolle schlüpfen. Der Bär sei übermütig. (Der leutselige Bär hat nun wirklich nicht die Absicht, jemanden hinters Licht zu führen. Der Bär fährt in die Haut eines Försters, damit die Fabel ihren Lauf nehmen kann.) Der Text würde das dörfliche Vereinsleben karikieren, versucht man uns anschließend einzureden. (Aber hat dieser Dichter nicht das „Königsdrama“ als die anzustrebende, höchste Form beworben? Stammtischgewäsch ist seine Sache wirklich nicht.) Diese Art Spezialisten erklären uns immer ganz genau, wann ein „Handlungsumschwung“ in einem Satz eintritt, aber sie wissen nie, wovon gehandelt wird. Ihr ganzes Universum bündeln sie in geistvollen Bemerkungen, wie beispielsweise der: „dass nicht immer alles so ist, wie es scheint“. Aber manchmal ist es eben anders, dann ist genau das gemeint, was dasteht.

Um zu wissen, was gemeint ist, benötigt Die ZEIT (http://www.zeit.de/2006/47/KJ-Hacks) nur zwei Ecksätze und schon kann sie die „tiefe Bedeutung der Posse“(!) erfassen: Es handle sich um eine Köpenickiade. Der Bär wäre ein Hauptmann von Köpenick, ein Aufschneider. Wenn er den Försterball aufzumischen vorhat, warum macht er sich für den Maskenball zurecht? Und würde Hacks jemals einen Gauner zum Helden gemacht haben? Natürlich nicht. Im Drama sollen alle handelnden Personen redliche Absichten haben, forderte Hacks. Man braucht alle Sätze, um die Fabel zu verstehen. Die Köpenikiade ist Quatsch. Es ginge um “Männergehabe“, Schnapskonsum und Phallus-Nasen. Das wäre im Text angelegt, verkündet im Ernst die wenig potente Schnapsnase Hans ten Doornkaat in der ZEIT. Doch der Bär könnte auch Sahra Wagenknecht heißen, (wenn die nicht eine Försterin wäre und die Rolle Tsipras zu spielen hätte, wenn hierzulande einmal Steine fliegen sollten). – All die ausgestreuten „Interpretationen“ sind fernab der Fabel.

Die Fabel habe keinen zu interessieren, so die Eberhard Karls Universität Tübingen (http://dokumente-online.com/methodisch-didaktische-konzeption-zu-peter.html). Ihr Lehrstoff ist: Es gäbe keine Lehrstoffe. Die Universität akzeptiert scheinbar Arbeiten, in denen die Meinungen der Schüler weit höher in Gunst stehen als die Meinung einer Fachkraft. Die Fabel, die der Dichter hier vorlegt, ist an Tiefe und Witz nicht zu übertreffen. Wenn darauf – aus pädagogischen Gründen – verzichtet werden soll, ist das mehr als auffällig. Wozu Schülern das eigenständige Denken beibringen, wenn man am Ende auf die Denkleistungen der Klassenbesten keinen Wert legt? Alle Kunstkonsumenten haben demnach ein Recht auf ihre mißglückten Interpretationsversuche, nur des Künstlers Stimme zählt nichts. Diese Verfahrensweise sei die heutige Form der Zensur, beschwerte sich Hacks nicht zu Unrecht, denn seine Vorgabe übertrifft alle „pluralistischen“ Lesarten mühelos. Er redet da von einer „demokratischen Gefahr“. Dieser demokratischen Gefahr wird auf allen Ebenen kräftig Vorschub geleistet, wie man sieht.

Auch der Ernst Klett Schulbuchverlag (Thomas Jerg: Zergliedrer deiner Freuden“) empfiehlt den Konsumenten, die Geschichte nicht zu begreifen. Der Verlag geht mit Beispiel voran. Der Dichter sei verwirrt; eingangs rede er davon, daß der Bär auf den Maskenball will, und dann geht er zum Försterball – da glauben diese Lehrkräfte, den Autor bei einem Patzer erwischt zu haben. Interpretation bedeutet ihnen nicht Übersetzung, Erklärung, Ausloten des Inhalts, sondern vorsätzliches Mißverstehen. Wer den Dichter kennt, der weiß, daß seine Poesien ihre Mehrdeutigkeit erst entfalten dürfen, nachdem sie ihre Eindeutigkeit gehabt haben. Er war gegen jede aleatorische Kunst. Poesie erzeuge, wer eine einfache, anschauliche Konstellation darbiete, in der der Kunstkonsument bis an sein Lebensende immer neue Beibedeutungen auffinde. – Man hätte somit die Aufgabe, seine Werke auch einmal in seinem Sinne auszulesen.

All diese umlaufenden „Deutungen“ sind so hanebüchen, daß man ihnen die Anstrengungen anmerkt, die ihr Herbeischaffen gemacht hat. Es ist also Vorsatz im Spiel. Hacks:

Begriffe man die Medien als Dienstleistung, könnte man wohl verzagen. Aber wie behaglich zeugen sie vom Erfindungsreichtum unserer Rasse, wenn man sie als Geheimdienstleistung begreift. Wer ungern gering von der Menschheit denkt, muß sie so begreifen. Der Humanismus fordert es. (W13/438)

Wer Meinungsvielfalt der Wahrheitsfindung vorzieht, der macht sich verdächtig. Dabei ist wenig Unterschied, ob dieses Vorgehen – Pluralität vor Wahrheit – als philologische oder als pädagogische Arbeitsweise vorgeschlagen wird. (Sie ist hier wie da vorgesehen.) Und selbstverständlich schiebt man einen Einfältigen mit solchen Ideen nach vorne, die Urheber unterschreiben natürlich nicht selbst. Wer groben Unfug anonym veröffentlicht und selbst nach Aufforderung nicht ausmerzt, der betreibt den „Pluralismus“ wohl hauptberuflich. Andernfalls, denke ich, fände sich selbst in Deutschland noch einer, der eine Fabel lesen kann.

Solche Anstrengungen wegen eines Kinderbuches? Wer darauf eine Antwort sucht, sollte überlegen, auf welche aktuellen Entwicklungen diese Fabel einst abzielte. Den Regierungen der sozialistischen Länder erteilte der Dichter eine gewaltige Lektion. Chruschtschow sei vom rechten Weg abgekommen – so läßt sich das lesen. (Es ist wiederum eine Stalin-Verteidigung und eine gewaltige Klatsche für all diejenigen, die mit Stalin gleich die ganze gemeinwohlorientierte Idee absetzten.) Die Erstveröffentlichung (1966) brachte Hacks daher gleich im Westen unter. Der Westen, der sonst jeden noch so lausigen Künstler in den Himmel jubelt, wenn er nur seine sozialistische Regierung tadelt, schwieg diesmal. Der Oberförster sah sich ertappt. Er lobt stets nur schwankende Bären wie Biermann, Sacharow oder Ai WeiWei. Und er schickt heute mehr Förster denn je in die Wälder. Die Methode hat Hochkonjunktur, daher wohl das Abbrennen der vielen Nebelkerzen. Die Arbeit der Förster wird, wo immer sich das machen läßt, von lallenden Bären erledigt, kaum mehr von den Förstern selbst.

„Der Bär auf dem Försterball“ wird 2016 nun schon 50. Jahre jung! Seine Fabel ist unverlierbar. Viele einfältige Bären tanzen auf der falschen Hochzeit und machen freudig die Arbeit ihrer Gegner. Zieht man sie auf den rechten Weg zurück, nehmen sie sich gleich weitere Dummheiten vor und kommentieren ihre Errettung aus höchster Not mit der Ankündigung: „Na, macht nichts. Andermal ist auch ein Tag.“

Schirrmacher als Gratulant
Martin Mosebachs Sonnenfinsternis
Algenplage im Zierfischteich des Königs
Das Pflaumenhuhn und die Pflaumen
FAZ: Das unmusikalische Nashorn
Die Katze wäscht den Omnibus und die FAZ seift ein.