FAZ: Das unmusikalische Nashorn

HACKS VERTEIDIGT DEN MAUERBAU UND DIE FAZ VERGISST ZU TOBEN!

 

Die FAZ ist auch nicht mehr das, was der Kapitalismus früher einmal war. In seinem Kinderbuch „Das musikalische Nashorn“ verteidigt Peter Hacks den Mauerbau und die Presse vergißt zu toben. Eleonore Büning rezensierte die Middelhauve-Ausgabe des Buches. La Fontaine ist ihr das Maß aller Dinge in Sachen Fabelbau: Verse seien ein nichts und die Moral muß nicht wahr und nicht gut sein, nur schlicht. Nun fällt ihr aber auf, die Hacksschen Verse graben sich tief ins Gehirn ein und wurzeln sofort an: „Es sind Reime darin, die sich schon beim ersten, halblauten Vorlesen in geflügelte Worte verwandeln.“ – Und auch die Fabel ist nicht von Pappe, an der jedoch scheitert sie. Büning wirft dem Dichter ihre dümmlichen Fehlinterpretationen vor: Hacks hätte gar keine Fabel geschrieben, sondern die Tiere direkt gemeint, Tiere seien die besseren Menschen. (Die Fabel verwerfe das Menschsein, obwohl sie keine sei.) – Na, so kann das nicht gemeint sein, das merkt sie selber.
Dann vielleicht so: Hacks mache den Kindern doch etwas vor, mit seinen utopischen Traumgespinsten von einer heilen Welt: Ein Musikant, der die Löwen bezwingt… Büning kennt tausend Musikschulen und sie brächten der Welt keinen Frieden. Was heute nicht ist, ist auch keine gute Idee und kein Ziel. Die Welt zu verbessern erzeuge Falten am Hintern. Im Buch steht hingegen:

„Wer Angst hat“, sprach er, womit er schloß,
Wird nie ein rechtes Rhinozeros.“

Wo man die Bünings vom Bein hätte, wäre ein Schritt nach vorn eine Leichtigkeit. Und wenn diese Irrationalisten den Begriff (objektive, überparteiliche, poetische) Wahrheit nicht meiden würden, wie der Teufel das Weihwasser, wüßten sie auch, was „für und für“ gilt und was der Künstler, wenn er bleibende Kunst erzeugen will, zu fassen kriegen muß.
Diese Fabel wünscht, daß Kunst und Gesittung etwas bewirke. Die Rede ist vom feinen Fühlen und vom kraftvollen Handeln. Hier wirkt ein dramatischer Konflikt: Tätigkeit, Wehrhaftigkeit, Gemeinsinn einerseits und Schönheit, Geist, Individuum andererseits. Hacks setzt auch hier das Individuelle, das Gesellschaftliche und das Ideelle in ein gehöriges Verhältnis. Wer nur eine Strichzeichnung à la La Fontaine sucht, wird die überreichen Fabelkompositionen dieses Dichters schwerlich ausloten.

„Dann ward von den Rhinozerossen
Ein harter Urteilsspruch beschlossen:
Allein greifst du die Löwen an.
Allein jetzt stehst du deinen Mann.
Wenn sie dich fressen, sei dein Trost:
Es ist die Strafe, daß du flohst.“

Dem opportunistischen Hornvieh der tausend Musikschulen wird beispielsweise erklärt, daß man die Löwen von zwei Seiten in die Zange nehmen muß. Nur wer auch einmal das Instrument beiseite legt, um notfalls die Hände zur Faust ballen zu können, darf auf ein versöhnliches Ende hoffen. Diese Fabel meint, daß die weinerlichen Bünings mit an die Front müssen, wenn die Löwen auf dem Kamm schnurren und sich in den Chor fügen sollen.
„Unvergänglich und über jeden Zweifel erhaben“ sind die Verse, sagt Büning und sie hätte die Fabel ruhigen Gewissens mit einbeziehen können.
„Das musikalische Nashorn“ ist ganz sicher das weltbeste Kinderbuch, es liegt im Vergleich mit dem „Struwwelpeter“ in allen Kategorien weit vorn. Die Middelhauve-Ausgabe ist unterdurchschnittlich illustriert und ihr „Klappentext“ belegt, daß auch dort keiner eine Fabel lesen kann. Es muß zwingend die von Hans Ticha bebilderte DDR-Ausgabe sein! Möge sie auferstehen.

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
Eleonore Büning „Von der friedlichen Nutzung des Schneidezahns beim Löwen“
25.07.1998, FAZ
faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-von-der-friedlichen-nutzung-des-schneidezahns-beim-loewen-1119980.html

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