Algenplage im Zierfischteich des Königs

13.6.2016. – Alexander Cammann liefert in seinem Aufsatz „Schlossherr in der DDR – Der sozialistische Dichter Peter Hacks wollte als Aristokrat leben“ statt Literaturkritik Waschweibergewäsch über angeblich ungehörige Wohnungsangelegenheiten des Dichters Peter Hacks. Wenn sein Gärtner ein „Goldkettchen“ trage, dann wisse der Leser der ZEIT ja wohl genug über die Kunst dieses Dichters.
Er selbst sei „hochbegabt“, seine Kunst „zauberhaft“ – das bringt jede „Literatur“-Redaktion dieses Landes zum schäumen!
Ein Kommunist, der partout kein Neuer Linker (also nicht „Imperialismus-kompatibel“ – Hacks) werden will, ist ein Weltanschauungswüterich und gehört eingesperrt, erklären uns die demokratischen Literaturliebhaber. Zur Kunst des Dichters sagen sie weiter nichts.
Reden wir also, notgedrungen, über Politik.
Hacks sei gegen die Freiheit. Genauer braucht es der Leser der ZEIT nicht zu wissen.
Hacks Einwände gegen die Freiheit lesen sich – beispielsweise – so:

„Ich habe keine besondere Vorliebe für Meinungsvielfalt in den exakten Wissenschaften.“

Oder so:

„Die oberste Behauptung der Logik fordert, daß von zwei einander ausschließenden Aussagen nur entweder die eine oder die andere stimmen könne. Ausgewogenheit … selbst gründet sich eher in die Ethik. Es gilt ja für unhöflich, irgendwas genau wissen zu wollen.“

Oder so:

„Ausgewogenheit ist jenes Hirngift, mit dem die Medien sogar noch am Menschenverstand beides auflösen, das bißchen Verstand und das bißchen Mensch.”

Nun erst kann sich der Leser sein eigenes Urteil in dieser Sache etwas besser BILDen. Die ZEIT gibt sich viel Mühe, Vorurteile zu verbreiten. Diese Freiheit ist ihr teuer.

Unsere Medien bringen Verleumdung, getarnt als freie Meinungsäußerung, und freie Meinungsäußerung, getarnt als Nachricht. Eine bekannte Strategie. Rote Socken. Atombomben-Gefahr (Irak-Krieg). Giftgaseinsatz (Syrien-Krieg). Krim-Okkupation. Des Dichters Verehrer sind Sektenmitglieder. Und der Shakespeare des 20. Jahrhunderts ist der „König der Zierfische“. Damit sind die Akten geschlossen. Hierzulande macht man keine Schauprozesse, sondern stets kurzen Prozeß. Mit den einen und den anderen.

Was Hacks an der bürgerlichen Freiheit nicht schätzte, war die Tatsache, daß der Mehrheitswille des Volkes nicht in Gesetze fließen kann. Zum Gesetz wird in ihr immer nur die Minderheitenmeinung der, Zitat Hacks, „uneinsichtigen Einzelnen“. (Wenn das Volk murrt, weil dessen Wille keine Berücksichtigung findet, donnern die Medien, die Meinungsbildungsprozesse benötigten heute halt tausend Jahre im Reich der, Zitat Hacks, „ökonomischen Selbstherrscher“).
Diese Art Regierung nennt man nicht Demokratie, sondern Oligokratie.

Ein amerikanischer Wissenschaftler, Martin Gilens, hat in einer Studie eindrucksvoll belegt, daß der Wille des amerikanischen Volkes in vierhundert Jahren niemals zum Gesetz wurde, wenn es dieser Minderheit, den oberen Zehntausend, nicht paßte. Er hat dazu über 1800 Gesetzesentwürfe untersucht. Gilens belegt damit nochmals, was jeder Karl Marx-Leser bereits viele Jahrzehnte hätte wissen sollen: Die bürgerliche Freiheit ist eine Scheinfreiheit.

Es gäbe derzeit keine Partei, die sich strukturell zur Durchsetzung linker Politik eigne, so Hacks. Soll heißen: Es gäbe keine „Ausgewogenheit“, nur Blockparteien, geleitet (stillgelegt) von Maulwürfen.
Wenn das nicht stimmt, warum lädt keine „linke“ Partei diesen amerikanischen Wissenschaftler ein, um auch einmal 1800 Gesetzesvorlagen der DDR-Volkskammer zu untersuchen? Wäre nicht möglich, daß da vielleicht nicht immer der Kirchenwille, vielleicht auch nicht immer der Wille der Wirtschaft, aber doch, gelegentlich, der Mehrheitswille des Landes in ein Gesetz eingeflossen sein könnte? Man wird es herausfinden. Man wird schließlich diese Untersuchungen der beiden Systeme miteinander vergleichen. Dann wird man sehen, ob sich Hacks mit seinem berühmten Apfel-Vergleich vertan hat, dieser „unweise Verlierer der Geschichte“. Cammann wagt sich da weit nach vorn. Er scheint sie für abgeschlossen zu halten. Als Rammbock der Geschichte wird er sich aber erst recht übernommen haben.
Wer Leistungslohn in einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft befürwortet und beansprucht, würde wie ein Aristokrat leben wollen, klagt er an. Das ist kein Journalismus, das ist auch keine Diskussionseröffnung über eine Leistungsgesellschaft. Nach den Entwürfen dieser Medien hat im Sozialismus gefälligst Gleichmacherei zu herrschen und Armut für alle. Wie will man sonst die Akademiker von der gemeinwohlorientierten Idee fernhalten. (Sahra Wagenknecht darf in die Medien, solange sie erwähnt, daß sie den Millionär abschaffen will. „Überlinker Elendskommunismus“, so bezeichnete Hacks das. Der Wagenknecht versiege hier ihre Kraft. – Einzig der Milliardär ist das Problem, der Millionär/Leistungslohn ist ausdrücklich zugelassen bei Marx.) Wie ein Aristokrat leben darf ausschließlich, wer Reichtum ererbt und lebenslang in der sozialen Hängematte liegt, keine eigene Leistung anliefert und mit seinem Geld die Mehrheitsmeinung im Lande aushebelt. Dagegen hat die ZEIT nichts einzuwenden. Hacks sinngemäß: Blaues Blut oder ererbtes Milliarden-Vermögen (grünes Blut), beides sei Bedeutung in der Gesellschaft nach Abstammung, kein Kennzeichen einer funktionierenden Leistungsgesellschaft. Privatbesitz in unbegrenzter Höhe verstoße längst gegen das Menschenrecht, da eine sehr kleine Gruppe von Vermögenden die Welt aufkaufen und „Betreten verboten – Privatbesitz!“ an die Welt schreiben könnte, ganz nach geltenden Regeln des bürgerlichen Rechts. Wo das bürgerliche Recht zu solchen Auswüchsen führen kann, müsse neu darüber nachgedacht werden, bis zu welchem Punkt Privateigentum statthaft sein kann.

Der Dichter, der in einer Leistungsgesellschaft ein halbes Dutzend Schlösser Schwanstein zu beanspruchen gehabt hätte, darf nach der Einschätzung der „Literatur“-Redaktion nicht Anspruch auf eine Ruine erheben, die er aus eigener Kraft aufbaut? Wie wird das begründet? Diese Schreihälse versteht man doch inzwischen ganz gut. Wer selbst die Wohncontainer der „DDR-Bonzen“ in Wandlitz für ungehörigen Luxus nimmt, der soll sich sein eigenes häusliches Umfeld aber bitte auch entsprechend auswählen, nach der demnächst stattfindenden Enteignung. Mir persönlich kämen Skrupel, Lebewesen in noch finsterere Löcher einziehen zu sehen. Man soll aber die Meinung des politischen Gegners respektieren, wo sich das machen läßt.

Hacks „aristokratischer“ Entwurf der gemeinwohlorientierten Idee geht so: Das 200-fache des Mindestlohns sei gesellschaftlich wahrscheinlich noch vertretbar, sagt er. – Bei 1500 Euro Mindestlohn wären rund 3,5 Mio pro Jahr für den Spitzenmanager drin. (Der ist ja inzwischen auch nur ein Angestellter.) Ähnliches Geld darf, der Gleichheit halber, die Spitzenleistung in Forschung, Bildung, Kunst etc. haben. Wer mehr verdienen will, muß mithelfen, den Mindestlohn in der Gesellschaft zu heben.
Bei einer Lebensarbeitszeit von rund 50 Jahren wären, nach diesem Entwurf, um die 175 Mio. das Maximum an zulässigem Privatvermögen. Erst darüber hinaus würden Vermögenssteuerbescheide verschickt, die enteignen. – Dafür, denke ich, werden sich demnächst Anhänger finden lassen. Dann gibt es endlich keine Angriffkriege mehr und für Kriegsverbrecher wieder Schauprozesse. – Revolution heißt heute Generalstreik: Extraurlaub auf Balkonien, bis Merkel ihren kleinen Zettel auf der eilig einberufenen Pressekonferenz um und um dreht und dabei stottert, das gilt…also das gilt…wenn ich das richtig lese, dann gilt das…sofort, ab sofort: der Kapitalismus tritt zurück.
Keiner müßte danach wieder zwanzig Jahre auf ein Auto warten, keiner Uniform-blaue Kittel anziehen wie nach dem Krieg. Keine dieser Drohkulissen unserer freien Medienbesitzer wird eintreten. – Eine Dimap-Umfrage wird veranstaltet, mit einem knappen Ergebnis ist schließlich nicht zu rechnen. Mehrheit setzt durch.
Danach, so Hacks, würde nichts einfacher werden, nichts besser. Aber nur dann kann die Gesellschaft schrittweise wieder nach Wegen suchen, um mehrheitlich selbst zu entscheiden, was und wie produziert wird. Sollbruchstelle oder Nachhaltigkeit. Kinderarbeit beim Kaffee oder soziale Verantwortung. Gewinnmaximierung oder Umweltschutz. Endlich Anklageschriften für demokratisch nicht legitimierte Kriegsverbrecher. Schluß mit der kurzsichtigen Diktatur der Wirtschaftslobby. Schluß mit faschistoiden Wechselkursen zwischen der ersten und der dritten Welt. Schluß mit menschenverachtenden Technologietransfer-Boykotten. Entlassungsurkunden für kranke Staatsökonomen, die 3% Inflation als „gesund“ anpreisen. Kein zinsloses Geld für private Banken vom Staat, damit private Banken Staaten durch horrende Zinsen ausnehmen. Und Zinsen wieder für alle, nicht ausschließlich für Banken.

Unsere Presseleute, diese Weltanschauungswüteriche, wissen also sehr genau, warum der „hochbegabte“ Künstler mit der „zauberhaften“ Kunst ein „unweiser Verlierer der Geschichte“ sein muß. Sie, ihrerseits, legen wesentlich weniger Wert auf Meinungsvielfalt, wie sie uns mitteilen und erfahren lassen. Sie prügeln blind ein auf den „König der Zierfische“. Wegen seiner persönlichen Meinung, wohlgemerkt. Zu seiner Kunst keine Ausführungen und sie reden angeblich genau davon, von der Kunst, wohlgemerkt.

Zierfische im Teich des Königs sieht man schwimmen, wenn man den Algenteppich beseitigt, den uns gewisse überkluge Türmer eingeschleppt haben.

Wer Zauberhaftes und Hochbegabtes lesen will, wird sich die ZEIT sparen und Hacks aufschlagen.

Dieser Kommentar bezieht sich auf:
Alexander Cammann „Schriftsteller Peter Hacks Schlossherr in der DDR“
29.8.2010, DIE ZEIT
zeit.de/2010/34/Peter-Hacks