Was ist Kunst?

„Das Wort Ästhetik bildet keine Mehrzahl. Die Ästhetik ist die Theorie der Kunst, und von einem Ding gibt es nur eine Theorie. (W13/429)

Die Staatsdoktrin heute lautet: alles sei Kunst. Obwohl diese eigentümliche Behauptung jeder leicht widerlegen kann, wird sie stark forciert. Manche Künstler greifen diesen schlecht gemeinten Rat dankbar auf, können dann natürlich auch anderen Berufsgruppen keine Regelverstöße mehr vorhalten.
Hacks hingegen war der Ansicht, daß nur die bleibende Kunst, die Klassik, allen Aufgaben gerecht wird, die man an die Kunst stellen kann und also muß. Sonstige Tätigkeit sei eben doch bestenfalls Zeitgeist, Episode, vergänglich.
Er befaßte sich daher mit der Frage, wie die Kunst diesen Zustand der Haltbarkeit und Beständigkeit erlangen kann und kämpfte gegen diejenigen, die den Künstlern die Regeln zerschlugen.
Selbst von einer ungenügenden Regel könne der Berufsstand profitieren, er müsse sich gegen sie verhalten. Die Abschaffung von Regeln erzeuge nicht Freiheit, sondern einzig Kenntnislosigkeit.

Hier findet der Leser die Definition der Kunst, diejenige, die man bei Wikipedia seit Jahrzehnten sucht und nicht findet, (da eine demokratische Definition auch die Nicht-Kunst enthalten muß).

„Die Theorie der Kunst hatte den Namen Ästhetik getragen.
Die Ästhetik ist die Wissenschaft von der Kunst und zugleich ihre Technik: sowohl die Beschreibung ihrer Gesetze also als die Anleitung zu ihrer Herstellung. Kunst, weiß die Ästhetik, ist folgender Vorgang.
Ein Subjekt (der Künstler, der auf seine Weise die Gesellschaft vertritt) legt einem anderen Subjekt (dem Publikum, das auf seine andere Weise die Gesellschaft vertritt) ein Objekt an die Sinne und ans Herz. Objekt kann eine politische Geschichte sein oder auch nur ein gemalter Pfirsich. In beiden Fällen wird es vom Künstler falsch wahrgenommen, wobei in dieser Unfähigkeit zur Objektivität etwas wie eine Absicht steckt; der Art vertritt endlich auch der Kunstgegenstand die Gesellschaft und ist auch das Objekt, ohne daß es aufhörte, ein Objekt zu sein, ein Subjekt. Im Kunstzusammenhang verhandelt die Gesellschaft mit der Gesellschaft die Gesellschaft.
(Sinn und Ziel der Verhandlung ist das Ideal, will sagen, die bestvorstellbare Weise für das Subjekt Menschheit, wie mit dem Objekt Welt zurande zu kommen. Das nur nebenher).
Die Verhandlung erfolgt immer vermittelt über ein anschauliches Gebilde, das Kunstwerk. Das Kunstwerk ahmt den Gegenstand nach. Es hat drei Eigenschaften. Es ahmt ihn ähnlich nach; es ahmt ihn in einer Haltung nach, welche der eigentliche Inhalt des Kunstwerks ist und an der Kunst die Hauptsache, und dann drittens geschickt: so nämlich, daß das Publikum den Wunsch habe, es zu genießen. Es ist schön. Damit es diese Eigenschaften nicht verfehle, erfolgt die Nachahmung in einer als zweckdienlich erprobten Form: einer Gattung.
Das ist grob und vorläufig gesagt und nicht alles. Als Faustregel, immerhin, reicht es. Keine Kunst verfährt anders. Was für Kunst die Menschen im Lauf der Geschichte erwartet und vor allem erhalten haben, hat sich oft geändert, und alle Kunstwerke sind untereinander verschieden. Aber alle Kunstwerke sind von der Ästhetik erfaßt und fallen unter die obige Bestimmung.
Das Wort Ästhetik bildet keine Mehrzahl. Die Ästhetik ist die Theorie der Kunst, und von einem Ding gibt es nur eine Theorie.“
(aus: Die Maßgaben der Kunst, Unter den Medien schweigen die Musen, in W13/425.)

Hacks erklärt und verwirft in diesem Aufsatz folgende „Ästhetiken“, und so, daß keiner, der noch bei Verstand wäre, sie je wieder ernsthaft hervorholen könnte: die Produktionsästhetik, die Rezeptionsästhetik, die Objektästhetik, die Dokumentarkunst, die Materialästhetik. – Sein Essay versteht sich auch ein wenig als Erwiderung auf die Medienkritik Enzensbergers.

Advertisements